Kambodscha

Im Januar 2007 besuchten die Aktionsgruppenmitglieder Kerstin und Jörg Steffenhagen ihr Patenkind Lorm

Es ist Anfang Januar 2007, zu Hause ist es frostig kalt, aber wir sind hier in Kambodscha bei gut dreißig Grad Celsius und schwitzen. Nach zwölf Stunden Flug und ein paar Tagen in der Hauptstadt Phnom Penh sind wir nun endlich auf dem Weg zu unserem Patenkind Lorm. Sechs Stunden Bootsfahrt auf einem echten Seelenverkäufer nagen nun an unseren Nerven, doch der Ausblick auf den riesigen Tonle Sap entschädigt ebenso wie die Einblicke in die kleinen Fischerboote, denen wir begegnen.

Schwimmendes Dorf und Fischerboot auf dem Tonle Sap 2007

Wir fahren in die Bucht ein und staunen, unser Boot schiebt sich zwischen schwimmenden Häusern durch, auch eine ganze schwimmende Schule und eine Kapelle sehen wir. Die angebotenen Waren machen das Bild noch märchenhafter. Kaum aus dem Boot gestiegen, reißen uns hungrige Kinder die Provianttüte aus den Händen, mehrere Tuktuk Fahrer versuchen, uns das Gepäck abzunehmen, um uns in ihr Tuktuk zu lotsen. Alle Anmut wird augenblicklich von der bitteren Not der Menschen zerstört.

Wir haben einen Tag in Siem Reap Zeit, uns hier zu orientieren und melden uns noch einmal telefonisch im Plan Büro. Morgen früh werden wir abgeholt und fahren mit dem Auto ins Projektgebiet nordöstlich von Angkor, dann endlich werden wir Lorm kennen lernen.

Es wird nur eine kurze Begegnung von etwa einer Stunde werden. Die örtlichen Plan Mitarbeiter begleiten uns und übersetzen, geben uns auch vorher Unterstützung beim Einkauf und der Auswahl der (nützlichen) Geschenke. Der Besuch beim Patenkind wird eine Station von mehreren im Projektgebiet (Schulen, Brunnen, Kindergärten) sein, aber für uns sicher die emotionalste.

Die Eltern empfangen uns herzlich, Nachbarinnen eilen herbei. Zwei Frauen breiten Matten auf dem staubigen Dschungelboden aus. Verlegen schaue ich zur Hütte, sie ist winzig und die Stelzen viel zu niedrig, um die Familie bei Hochwasser zu schützen. Tage zuvor sahen wir in der Nähe der Hauptstadt solche Hütten, sie standen neben meterhohen Stelzenhäusern wohlhabenderer Khmer und dienten als Hühnerställe. Flink steigt der Vater auf einen der unglaublich hohen Bäume, während wir uns auf die Matten setzen sollen. Ein großer Kreis bildet sich, die Familie, Nachbarinnen und ihre Kinder finden sich ein, die Plan Mitarbeiter und wir. Der Vater hat Kokosnüsse geerntet und eingekerbt, er bewirtet uns mit den Früchten und Strohhalmen, im Alltag lebt er vom Verkauf an Einheimische und Touristen.

Endlich kommt Lorm mit ihrer Freundin von der Schule nach Hause, sie ist schrecklich aufgeregt, traut sich kaum, uns anzugucken und führt ein strenges Regime über ihre jüngere Schwester Ngaa, die vor lauter Aufregung zu weinen beginnt. Aber nach etwas Smalltalk können wir unsere Geschenke auspacken und bei Luftballons, Seifenblasen und Bonbons bricht auch bei den kleinen Kindern das Eis. Lorm sitzt neben mir und rückt minütlich dichter, sie freut sich offensichtlich sehr über die Spielsachen für sie und ihre Schwestern. Ein besonderer Schatz scheint ein kleiner Beutel Murmeln zu sein, ich erinnere mich, dass sie auch in meiner Kindheit eine Währung waren. Es sind Momente, in denen jede Fremdheit weicht. Verlegen macht es uns wieder, den Eltern die nützlichen Dinge zu überreichen…Doch es ist schon Zeit fürs Foto, da bekommt die kleine Ngaa, den Mund voller Bonbons, wieder Angst: die beiden bleichen Langnasen sind einfach riesig! Erstaunlicherweise lässt Ngaa sich schnell von mir trösten und schaut dann ernst aber gefasst in die Kamera. Der Abschied fällt schwer, wir tauschen Dank und gute Wünsche, Lorm sucht noch einmal meine Nähe, die Mutter lacht herzlich. Wir müssen los.

Abschiedsfoto 2007

Im Oktober 2009 besuchten die Aktionsgruppenmitglieder Kerstin und Jörg Steffenhagen ihr Patenkind Lorm bereits zum zweiten Mal

Ende 2007 dann eine verstörende Botschaft aus Kambodscha: Loay, Lorms Mutter, ist verstorben. Die Nachricht trifft uns hart und wir warten sehnsüchtig auf weitere Nachrichten, wie es nun weitergeht, wer sich der vier kleinen Mädchen annimmt, wie es ihnen geht. Es geistern uns Bilder von bettelnden verwaisten oder verlassenen Kindern durch den Kopf, von Kindern, die harte Arbeit verrichten müssen. Kambodscha ist ein schönes Land, aber seine Straßen erzählen auch sehr unbarmherzige Geschichten. Keine weitere Erklärung erreicht uns, auch der nächste fällige Entwicklungsbericht erwähnt nur kurz den Tod der Mutter, nichts weiter. Nun beschließen wir, uns selbst ein Bild zu machen und Lorm ein zweites Mal zu besuchen.

Ende Oktober 2009 brechen wir auf. Kambodscha erwartet uns diesmal in Feststimmung. In Phnom Penh wird die Wasserwende, Bon Oumtuk, mit Drachenbootrennen gefeiert und eine unglaubliche Million Besucher drängt in die Stadt.

 

Reges Treiben am Ufer in Phnom Penh 2009

Es ist Ausnahmezustand und so bekommen wir ein brühwürfelartig konzentriertes Bild aus vielen Provinzen des Landes. Jeder, der in die Stadt kam und nicht selbst am Bootsrennen teilnimmt, hat irgendetwas zu verkaufen, versucht das Geschäft des Jahres zu machen.

 

Fladenverkäuferin in Phnom Penh 2009

Wir reisen weiter, um bald Lorm zu besuchen. Wir sehen unglaublichen Reichtum und unglaubliche Armut. Wir sind oft eher begehrte Kunden als willkommene Besucher, asiatische Freundlichkeit und Gelassenheit gehen allzu oft im Überlebenskampf unter. Die Wirtschaftskrise hat vielen Aufstrebenden hier ein Bein gestellt, leere Einkaufsmalles und riesige Rohbauruinen, geschlossene Läden und Restaurants zeugen zwischen glänzenden Neubauten und blinkenden Reklamen vom Scheitern. Die Schere zwischen Arm und Reich scheint weiter aufgegangen, die Kluft tiefer, die Enttäuschungen größer, Spannung liegt in der Luft und entlädt sich gelegentlich in Pöbeleien gegen uns vermeintlich Reiche.

Wir machen uns noch mehr Sorgen um Lorm und ihre Schwestern, als wir erleben, wie viele Kinder diesmal in den Tempelanlagen von Angkor als kleine Verkäufer und Bettler herumgeistern. Während 2007 junge Schulmädchen versuchten mit Witz und Charme ein paar Postkarten oder Reiseführer zu verkaufen, um sich damit die Schuluniform zu finanzieren, treffen wir jetzt sehr häufig auf zerlumpte kleine Wesen, manche keine vier Jahre alt, die gebetmühlenartig „ONEDOLLAR“ jammern, sobald sie einen Touristen entdecken.

Endlich rückt der Besuchstag heran. Tino Touch vom Plan Büro Siem Reap führt uns diesmal per Power Point Präsentation durch die Projektgebiete. Wir gewinnen erneut einen sehr guten Eindruck von der Arbeit von Plan. Tino bestätigt leider auch unseren Eindruck, dass zunehmend Eltern ihre Kinder am Schulbesuch hindern. Auch hier hilft Plan mit einem Advocacy-Projekt weiter, das einzelne Kinder unterstützt und direkte Überzeugungsarbeit bei deren Eltern leistet. Wir erfahren nun auch, dass Lorm bei ihren Großeltern lebt und sind schon ein wenig erleichtert.

Auf unseren Wunsch besuchen wir die Kindergartengruppe in Lorms Schule, deren leerer Raum uns beim letzten Besuch besonders betroffen gemacht hatte.

Kindergarten in Rum Cheek 2007

Ein freundlicher Preisnachlass der Firma LPE Technische Medien GmbH hatte es uns ermöglicht, zwei große Lego-Duplo Technik Kästen mitzunehmen und nun zu überreichen. Die Kinder stürzen sich voller Begeisterung auf das interessante Baumaterial und probieren gleich verschiedene Funktionen aus.

Besuch des Kindergartens in Rum Cheek 2009

Nach einer kurzen Spielphase mit den Kindern brechen wir mit Tino auf, Lorm darf den Unterricht verlassen und mit uns ins Dorf fahren. Dort angekommen nimmt sie uns an der Hand und führt uns einen Trampelpfad entlang durch Reisfelder zu einer kleinen Hütte an einem Brunnen.

Die Großmutter ist bezaubernd freundlich und die Kinder, Ngaa, Sokann und Lin, die nach und nach eintrudeln, sind ausgelassen fröhlich. Wir bekommen wieder erfrischenden Kokosnusssaft zu trinken und packen nach und nach unsere Geschenke aus, ein paar persönliche und einige nützliche Dinge sowie Äpfel, die hier so exotisch wie Mangos in Deutschland sind, und für viel Heiterkeit sorgen.

 

Zu Besuch bei Lorm 2009

Voller Stolz holt Lorm Dinge hervor, die wir ihr seit dem letzten Besuch über Plan gesendet hatten, so auch ein kambodschanisches Kinderbuch, das wir auf der letzten Reise erstanden und ihr dann geschickt hatten. Die Großmutter erzählt, dass die beiden Großen, Lorm und Lin, es den beiden Kleinen Ngaa und Sokann immer wieder vorlesen würden.

 

Abschiedsfoto 2009

Wir sind erleichtert, die vier so munter zu sehen und zu wissen, dass sich Tante und Großmutter um sie kümmern. Wir erfahren noch, dass die Großeltern einige Reisfelder und Rinder besitzen und brechen nach einem herzlichen Abschied mit einem guten Gefühl wieder auf.

Wir haben den Eindruck gewonnen, dass Plan vor Ort wertvolle Arbeit leistet und kindzentrierte Gemeindeentwicklung hier nicht nur ein Schlagwort sondern eine ehrliche Grundhaltung ist. Bei allen Schwierigkeiten und Rückschlägen wünschen wir den Mitarbeitern und Projektpartnern vor Ort viel Kraft, Geduld und natürlich auch Freude bei ihrer Arbeit.