Aktionsgruppe Magdeburg
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Malawi

Die Aktionsgruppenmitglieder Petra und Andreas Gummert besuchten im September 2007 ihr Patenkind Maclean

Macleans Traum

Eines Morgens, die Sonne schickte sich gerade an, hinter den Bergen aufzugehen, rieb sich Maclean die Augen. Er richtete sich auf seiner Matte auf. In der Hütte war es noch dunkel und ganz still. Auntie, seine Tante und father, wie er seinen Onkel nannte, schliefen noch. Was war das nur für ein verrückter Traum gewesen. Maclean war noch ganz verwirrt von den turbulenten Ereignissen, die sich darin abgespielt hatten. Er hatte geträumt, dass er einen ganzen Tag lang das wichtigste Kind im ganzen Dorf, ja sogar in der ganzen Schule gewesen war. Und das war so gekommen:

Vor vielen Monaten war wieder ein Brief eingetroffen. Andrew, der Plan-Mitarbeiter in Emusizini hatte ihn gebracht. Alle waren zusammengelaufen und Andrew hatte laut vorgelesen und übersetzt. Als sie verstanden hatten, was da geschrieben stand, machte sich zunächst ungläubiges Staunen und dann große Freude breit. Die Kinder tobten zwischen den vielen Menschen umher. Und auch in der Schule musste er, Maclean, jedem erzählen, warum sich alle so freuten. Das tat er gern, denn seine Paten-Eltern hatten angekündigt, ihn zu besuchen. Aber bis dahin würde noch einige Zeit vergehen. Sie würden erst kurz vor der Regenzeit eintreffen, hatte Andrew gesagt.

Als sich der heiße Sommer seinem Ende näherte, waren alle glücklich über die reiche Ernte gewesen. Der Tabak hing sicher unter den Trockendächern und auch Mais und Erdnüsse waren schon in die Vorratsspeicher auf Stelzen gebracht worden. Da ging es an die Vorbereitungen für den Besuch.

Granny, bei der er sich tagsüber nach der Schule aufhielt, beriet mit Auntie, seiner Tante, was man zum Essen kochen wollte. Father überlegte zusammen mit dem Großvater und den anderen Onkeln, wie man den Besuchstag gestalten könnte. Auch die Lehrer und den headteacher aus Macleans Schule musste man in die Planungen miteinbeziehen. Maclean war stolz und verunsichert zugleich. Es sollte sogar für alle Kinder einen halben Tag schulfrei geben.

Als der Besuchstag mit strahlendem Sonnenschein und böigem Wind begann, war Maclean wieder der erste auf den Beinen. Er hatte kaum geschlafen und lief auf dem Weg zu grandmother und grandfather am Dorfbrunnen vorbei. Heute, hatte auntie ihm eingeschärft, müsste er sich ganz besonders gründlich waschen. Und er war folgsam gewesen.

Auntie hatte ihm das blaubunte Hemd von Mathew, seinem Onkel angezogen. Es war natürlich viel zu groß, und hing weit über seine beigefarbenen Shorts hinab.

 Er wurde angewiesen, heute nicht mit den anderen herumzutollen, damit das Hemd nicht schmutzig würde. Auch Fußball-Spielen war heute tabu. Also drückte sich Maclean bei den Erwachsenen herum und konnte seine Aufregung kaum unterdrücken. Den Großen schien es ähnlich zu gehen. Es wurde laut gelacht, gesungen und alle liefen geschäftig umher. Grandma und auntie sowie die Frauen aus dem Dorf kochten einen Riesentopf Cassavawurzeln auf dem Feuer. Dann gab es eine ebenso große Schüssel mit roten Bohnen, dazu grünes Blattgemüse, Erdnüsse, gequollenen Mais und natürlich Nhsima, sein Leibgericht. Als wäre das alles noch nicht genug, wurden zwei Hühner geschlachtet und gekocht. Die Nachbarin brühte einen großen Topf Wasser auf und tat von den kostbaren Teeblättern dazu und süßte alles mit reichlich Zucker. Zusätzlich durfte Chibuku, das traditionelle Maisbier nicht fehlen. Maclean traute seinen Augen nicht. Welch ein Tag. Das Essen würde für das ganze Dorf reichen.

Dann endlich, als er das Warten kaum noch aushalten konnte und dauernd jemand an seinem Hemd herumzupfte, was er besonders lästig fand, näherten sich die zwei Geländewagen. Sie kamen die Strasse von der Schule herunter. Dort waren die Gäste zunächst von den Lehrern und Andrew begrüßt worden. Und jetzt hielt er Ausschau, ob er seine Pateneltern wieder erkennen würde. Bisher kannte er sie nur von Fotos. Aber da, die in dem blauen Auto, das waren sie.

 Sie kletterten aus dem Wageninneren heraus und wurden von allen Dorfbewohnern mit freudigem Gesang und Tanz begrüßt. Er, Maclean, wurde von Mr. Shumba, einem weiteren Plan-Mitarbeiter in den Kreis der Tanzenden geschoben und konnte sich, als er in den Rhythmus hineinfand, etwas entspannen. Dann das große Händeschütteln, wie es in seinem Land Malawi Sitte war, zuerst mit den Handflächen nach unten, dann nach oben. Und bei guten Freunden im Wechsel, immer wieder. Er hatte sich dabei zwischen die Frauen gestellt. Das gab ihm das Gefühl von Sicherheit. So ganz nah sahen die beiden Weißen fremd und zugleich irgendwie wieder bekannt aus. Seine Patin hatte lange Hosen an. Sehr ungewöhnlich. In seinem Dorf trugen die Frauen, die erwachsenen wie die Mädchen alle die chitengis, ihre bunten Röcke, die sie sich um die Hüften banden. Auch das in der Sonne silbrig glänzende Haar der Patin zusammen mit der weißen Haut kam ihm sehr fremd vor. Ihr Mann, der interessanterweise auf Englisch auch Andrew hieß, genau wie Andrew von Plan, hatte eine Basecap auf, vermutlich gegen die Sonne und dass grelle Licht. Jedenfalls kniff er die Augen immer so zusammen.

Nach der Begrüßung wurden die Gäste in die Hütte von grandma und grandpa gebeten. Man hatte sogar Stühle im ganzen Dorf zusammengetragen, damit sie nicht auf der Erde sitzen mussten. Natürlich war die Hütte am Vortag blitzsauber gefegt worden. Man war stolz darauf, in einer Ecke die gesamte Maisernte in Säcken aufgeschichtet zu haben. In der nächsten Regenzeit würde man nicht hungern müssen. Hauptsache, die Mäuse blieben den Säcken fern. Aber da würde er schon aufpassen.

Er wurde gebeten, auf einem Stuhl zwischen Petra und Andrew Platz zu nehmen. Das tat er gern, aber komisch war ihm das doch irgendwie. Gegenüber nahmen die wichtigsten Männer aus der Familie und natürlich der Chief des Dorfes Platz. Dann wurden die Begrüßungsreden gehalten. Das war ein bisschen umständlich, weil die Paten kein Tumbuka verstanden und von der Familie nicht alle Englisch konnten. Auch er lernte Englisch in der Schule erst seit zwei Jahren. Aber eins hatte er genau mitbekommen. Nämlich, wie sehr sich seine Paten über das warmherzige Willkommen gefreut hatten und dass sie sehr glücklich waren, bei ihm in Malawi zu sein.

Nach den Reden besichtigte man mit den Paten den neuen, von Plan zusammen mit den Dorfbewohnern gebauten Brunnen. Petra wusch sich die Hände und erschrak, weil das Wasser so kalt war.

 Dann ging es wieder zurück in die Hütte und die mitgebrachten Geschenke wurden überreicht. Zunächst gab es Reis, Salz, Öl und natürlich Trockenfisch aus dem See sowie Tee und Kekse. Aber er, Maclean, hatte auch die beiden Rucksäcke entdeckt, die die Paten zuvor in einer Ecke der Hütte abgestellt hatten. Aus einem zauberten Sie nun neben kleinen Geschenken für die Familie und T-Shirts für ihn einen nagelneuen Fußball hervor. Die Kinder und die Frauen, die vor der Hütte saßen und hineinschauten, jodelten und klatschten. Dann bekam er noch eine warme Jacke für den Winter und ein Photoalbum, in dem, so wurde ihm erklärt, alle Familienmitglieder von Petra und Andrew abgebildet waren. Auch ein paar Fotos über das ferne Deutschland, wo die beiden hergekommen waren, fanden sich darin. Alles zusammen konnte er jetzt in den blauen Rucksack stecken, den er behalten durfte.

 Schade war nur, dass Mathew, sein Bruder, das alles nicht mitbekam. Mathew war vor ein paar Monaten nach Südafrika gefahren, um dort als Buchhalter zu arbeiten. Aber Mathew hatte ihm versprochen wiederzukommen. Dann würde er, Maclean, ihm auch die Bilder zeigen, die er mit seiner Kinderkamera geschossen hatte. Denn glücklicherweise hatten seine Paten daran gedacht, für die Camera, die er seit anderthalb Jahren wie einen Schatz hütete, neue Filme mitzubringen. Den letzten Film hatte er ganz stolz aus der Camera gezogen, um ihn Andrew, dem Plan-Mitarbeiter, zum Entwickeln zu geben. Aber dieser hatte den Kopf geschüttelt und gelacht. Dann hatte er ihm erklärt, dass man den Film nicht aus der Camera ziehen dürfe, weil so die Bilder verloren gingen. Darüber war er sehr traurig gewesen.
Jetzt wollte er unbedingt ein Bild machen, als seiner Patin das Gastgeschenk der Familie überreicht wurde:
ein Prachtexemplar eines schwarzen Hahns mit rotem Kamm.

Er war mit Bedacht ausgewählt worden und sollte den Paten Glück bringen. Sie haben sich auch sehr gefreut. Der Hahn musste dann aber noch etwas bei Patricia, der Frau von Andrew im Haus auf dem Schulgelände warten, da erst die Schule besichtigt werden sollte.

 Die Paten waren sprachlos, dass in der neuen Emusizini-Full-Primary-School fast 1000 Kinder zur Schule gingen. Er selbst war jetzt in der sechsten Klasse und zeigte stolz seinen Sitzplatz. Neben ihm nahm seine Patin Platz. Natürlich wurden viele Fotos gemacht. Nachdem auch der Brunnen der Schule besichtigt worden war, trafen sich alle auf dem Schulplatz, wo ganz viele Menschen aus den umliegenden Dörfern zusammengekommen waren, um seine Gäste zu begrüßen. An der Stirnseite des großen Halbkreises, den alle unter den zwei verbliebenen Bäumen gebildet hatten, teilte er sich einen großen breiten Holzstuhl mit seiner Patin. In die Stuhllehne war ein großes Kreuz geschnitzt. Die Älteste seines Dorfes betete sodann für das Wohlergehen der Besucher und der Dorfbewohner. Es wurden wieder Reden gehalten und Geschenke für die Schule überreicht. Auch eine Schulglocke war darunter. Die Planmitarbeiter übersetzten auf Englisch, Chichewa und natürlich Tumbuka. Die Trommeln, Schellen und die Kalebassen wurden herausgeholt. Und endlich folgten die Tänze. Zur Feier des Tages waren viele Tänzer zusammengekommen, die seinen Paten die typischen Tänze seines Stammes, der Ngoni, vorführten. Alle hatten sich entsprechend gekleidet. Sogar die echten Jagdwaffen hatten die Alten mitgebracht. Beim Kriegstanz machten auch die Männer von Plan mit. Es ging laut und fröhlich zu. Alle sangen, klatschten, jodelten und bewegten sich im Rhythmus der Musik.  Als auch die Mädchen und Frauen ihre Aufrufe vorgetragen hatten, wurde zum Abschluss noch einmal Gottes Segen erbeten. Und dann hieß es schon Abschied nehmen. Er, Maclean, musste wieder unzählige Hände schütteln. Aber ganz so fremd wie noch zu Beginn des Tages kamen ihm seine Paten jetzt nicht mehr vor, auch wenn er immer noch kein Wort über die Lippen brachte außer ein gehauchtes „Yes“. Er hatte
viele der  Worte verstanden. Aber er war noch nicht sicher in der englischen Sprache und es kam ihm eigentlich vor, als verständen seine Paten ihn auch so.

Noch ein letztes Foto wurde gemacht und er musste versprechen, fleißig weiter Englisch zu lernen und Briefe nach Deutschland zu schreiben. Das wollte er gern tun, zumal seine Paten versprochen hatten, eines Tages zurückzukommen zu ihm nach Emusizini.

Inzwischen war es taghell geworden, das Licht schien durch die Tür in die Hütte hinein. Draußen verkündeten die gewohnten Geräusche das geschäftige Treiben der Dorfbewohner. Hühner scharrten und die Ziegen meckerten. Maclean streckte sich und sprang auf die Füße. Welch ein verrückter Traum. Dann fiel sein Blick auf den nagelneuen Fußball in der Ecke…

Nachwort:

Zu diesem, zugegeben, nicht ganz üblichen Reisebericht sei dem Autor eine abschließende Anmerkung gestattet: auch uns kam dieser Tag mit unserem Patenkind manchmal wie im Traum vor. Aus unserer Welt waren wir über tausende von Kilometern in ein Dorf gereist, wo wir wie liebe Verwandte voller Herzenswärme willkommengeheißen wurden. Die Eindrücke dieses Tages werden wir nicht vergessen. Gern sind wir auch bereit, weitergehende Fragen, sei es zur Reise, zur Arbeit von Plan vor Ort oder allgemein zu Malawi zu beantworten .